CRITICS - Concert Critics since 1984

 


II.1.
N.E. Kreisler démiurge et insolant

… It is not often, that an artist provokes such controversy reactions in his audience. Even among professionals the reactions were beyond limit in praise, and even dithyrambs (such as Rene Martin, the Manager of the Festival for instance whose judgement has to be taken seriously) as well as the harshest critic (Jacques Chapuis, stimulator of the pedagogic meetings). But it is not astonishing that pedagogues in general have difficulties to estimate properly a kind of piano playing, which is far from being academic or conformist. Beyond doubt Mr. Economou is the most extraordinarypersonality discovered at La Roque Festival in the course of five years. In him, this Festival did fulfil its contract. …Let us rather try to outline the personality of this “traitor” on the basis of  his musical interpretations. …

 
Nicolas with R. Shchedrin, C. Corea and P. Gulda at "Muenchener Klaviersommer"

(german translation:)

Nicolas Economou Kreisleriana" - göttlich und außergewöhnlich

Es sind die verpaßten Gelegenheiten,die trotzdem Überraschungen bringen. Nachdem Andrej Gavrilov seinen Auftritt in La Roque absagen mußte, hatte der zypriotische Pianist Nicolas Economou die schwere Aufgabe, den angekündigten Star und den Frust aus den Köpfen zu verdrängen. Das Publikum auf der anderen Seite muß jedoch etwas für sein Geld bekommen , was die leiden­schaftlichen und erregten Kommentare ab der Pause bewiesen. In der Tat wird es selten ein Künstler vermocht haben, sein Publikum so weit zu provozieren. Selbst unter den Professionellen waren die Reaktionen äußerst heftig, von hohen Elogen, selbst Dithyramben (Z.B. René Martin, der Direktor des Festivals, dessen Werturteil absolut ernst zu nehmen ist) bis zu härtester Kritik (Jacques Chapuis, Initiator der Seminare für Pädagogen).

Es ist daher nicht weiter verwunderlich, daß den Pädagogen im allgemeinen dieses wenig akademische und konformistische Kla­vierspiel im Vergleich zum gewohnten nicht gefallen hat. Seit Beginn der Konzerte in La Roque vor 5 Jahren ist Herr Economou eine der auflergewöhnlichsten Persönlichkeiten, die man entdeckt hat. Insofern hat das Festival seinen Auftrag erfüllt.

Kein Grund ist vorhanden, daß er seine Nase in die Partitur steckt, um den ,,Schock“ zu überwinden. Dadurch kann er jedoch objektiv die kühnen, manchmal für die Klarheit der Musik un­ruhigen Tempi entwickeln. Versuchen wir vielmehr, die Persön­lichkeit von seiner gerechtfertigten oder nicht gerechtfertigten musikalischen Interpretation her zu erfassen.

Bereits mit den ersten Takten der Bagatellen von Beethoven liefert sich Economou ohne falsche Zurückhaltung der Musik voll aus- und zwingt uns, ebenso einzusteigen. Selten kommt so spontan der Kontakt zum Interpreten auf. Vollkommen konzentriert, physisch sehr ausdrucksvoll, in sichtbarer, ständiger Beziehung zu seinem Flügel, die sowohl Liebe als auch Haß auszudrücken scheint, macht Economou - der ohne Zweifel J.S. Bach und seine Metrik sehr gut beherrscht - aus diesen kurzen Stücken (die nur vom Namen her bedeutungslos sind) eine rituelle authentische Zeremonie. Klangvolle Bilder, wunderbar differen­ziert und im Verhältnis zueinander angeordnet, eine interne sehr "durchdachte" Logik des Werkes, in seiner Gesamtheit sehr einleuchtend, perfekte Strenge im Ausdruck, in der Kontrolliert­heit der übermittelten Emotion. So gesehen, erschien diese Musik mehr wie ein göttliches Ritual als ein Salonstück. Auf alle Fälle leidenschaftlich, da alles ,,investiert" wurde.

Investiert: die Kreisleriana von Schumann war ebenfalls alles andere als üblich gespielt! Sie war es, an der sich die Gemüter erhitzten. Ich persönlich sehe in diesem perfekten Werk Schumanns, so gespielt, Merkmale einer gewissen Form von ,,Genialität" oder zumindest eine tiefe Verbundenheit mit dem visionären Geist des Werkes. Diese Phantasien, diese fantastischen Alpträume, in Fieber und Schmerz von einem Schumann geschrieben, geplagt von Clara Wiecks Vater mit seinen Unverschämtheiten, erfordern diesen übertriebenen wilden Ton, dieses Unmaß - von Hoffmann auf dem Papier schriftlich angeprangert.

Sehen wir außerdem, daß das normale psychologische schumannsche Gleichgewicht ,,Eusebius-Florestan" hier hoffnungslos in die dunkelste Ecke seiner Persönlichkeit ausschlägt. Diese "verrückt-heit" kommt - von den Stahifingern Economous überaus virtuos gespielt - wunderbar heraus. Atemlos und fiebernd hinterläßt dieser Schumann seine Spuren. Andere Interpreten deuten manche Passagen dieses Werkes vielleicht ,,friedlicher", ,,fröhlicher" in ihrer Vorstellung, aber man muß, glaube ich,

die fantastische psychologische Wahrheit dieser Auffassung akzeptieren.

Bei Chopin hat dieses Temperament leider seine Spuren hinter­lassen. Die 1. und 4. Ballade, ein Hin und Her zwischen den beiden Händen, zerfällt in einen Widerspruch. Mehr Abstand, mehr Einfachheit und ,,Überfluß" machten die 2. und 3. Ballade interessanter. Einige sehr schöne Zugaben versöhnten mit diesem kleinen Mißgeschick: das Andante der Sonate in F-dur von Mozart, Arabesque von Schumann und eine sehr ausdrucksvoll gespielte Fuge von Bach.

Somit hat das 5. Festival mit Nicolas Economou und dieser göttlich und außergewöhnlichen Kreisleriana eine "Ernani-Schlacht" erlebt, wie sie nur die großen Stätten der ,,Kunst" noch kennen.  Solche Abende möchte man wiederholen!

Eric de Gaudemar in Le Méridional, 17.8.85 ( to be translated as whole)

II.2. N.E. Ou l'impromptu de la roque

… As for the four Ballades of Chopin, Nicolas Economou, a magnificent pianist, as I already said, produced versions of the current sacred type. Would one insinuate that others do exist? Be cautious! Think of what Albert Thibaudet did once write about Pierre Lotti: “one of these writers whose radiation is unrepeatable, hitherto they surrender their unique refugee being thanks the History of literature.”

Jean Abel in Provencal, 19.8.85

II.3. … Of course: this is not a pianist, just won somewhere a first-prize, and as a result grants a certain number of engagements. But he is someone, who – I can put my hands into fire for this – plays better and more interesting piano than hundreds and thousands of well-known pianists, whose time-table are filled up. Nicolas Economou, as I wrote, was never interested in a career. He only accepted a concert, when someone approached him, he never had a management. The result is that there are just very few and occasional concerts, which have been set for the future. This, I am hundred percent sure, will definitely change in the future. Nicolas Economou is the type of pianist, who thrills the audience, who gets reactions from delirium to scandal. This is the type of pianist we need, who never allows his audience to fell a second asleep.

I promise you, that Nicolas Economou will in few years be a superstar. Please look into the reviews and the letter, which I received from La Roque d’Antheron, they are confirming exactly what I was saying to you. …

Extract from a letter to Harrison/Parrott Ltd; 9.9.85

II.4. Aufregender Vorstoß in extreme Dimensionen

Das Meisterkonzert wurde zur Offenbarung eines phänomenalen Naturtalents, einer pianistischen Begabung, die bei selbstverständlicher technischer Perfektion nicht nur immenser Kraftentladungen, sondern auch hauchfeine Klangschleier weben und verschweben lassen kann.

… Mit Schumanns phantastischem Zyklus “Kreisleriana”, seinem auch bei uns häufiger gehörten opus 16, riß der bisher so zurückhaltende junge Pianist den Vorhang auf in eine Welt rasant tobender Gewalten. Es war, als brachen sich brodelnde Feuerströme Bahn, die in den lyrischen Freiräumen geheimnisvolle Geister wie eine Fata Morgana irisieren ließen: Florestans Ungestüm und des Eusebius Sehnsucht – Schumanns zwei Seelen – in ihrer Urgestalt. Der reife Wilhelm Kempff spürte den feinsten seelischen Schwingungen poetisierend nach, Martha Argerich ließ die Stimmngen kapriziös unschlagen; Nicolas Economou entfesselt die vulkanischen Kräfte einer gärenden Künstlerseele und läßt in den „Ruhepausen“ die Phantasie träumerisch ausschwingen. Nie zuvor hörten wir die Baßlinien mit gleicher Urgewalt aufbrechen, die Traumfiguren so schattenhaft dahinsummen. Die dynamischen Gegensätze wurden bis zum Zerreißen gespannt, gleichzeitig die neobarocke Scheinpolyphonie durch mehrdimensionale Klangbrechung ins Unwirkliche gerückt. Das letzte Stück wirkte, bei kaum nach wahrnehmbaren Vorschlägen, wie ein Spuk. ...

Die Matinée... wurde zur Begegnung mit einem Klaviergenius, der bereits im Besitz höchster techniscer Fertigkeiten seinen Ausdruckswillen bis an die Grenzen des Darstellbaren vorangetrieben hat...

Wolfgang Plenio in Flensburger Tageblatt, 29.10.85

II.5. Empfindsamkeit und Donnerfreude

Nicolas Economou, ein schwarzhaariger, wirklich gutmütiger und manuell blendend begabter Pianist aus Zypern – preisgekrönt in Athen, ausgebildet in Moskau – ist erst 35 Jahre alt und hat gleichwohl seit mindestens einem Jahrzehnt schon eine Art Freundeskreis, eine Gemeinde. Er kann nicht nur trefflich Klavier spielen, sondern auch im Stile Bachs, Beethovens, Chopins so anpassungsfähig improvisieren, daß manche begeisterten Zuhörer dann wieder an die Möglichkeit der Seelenwanderung glauben. Was den „Rang“ seiner Interpretationskunst betrifft, so bezweifelt zwar kaum jemand Economous fabelhaftes Talent, und es boten sich dem lustigen Zyproten immerhin eine Martha Argerich, ein Chick Corea als Duopartner an: dach ganz wolkenlos blieb der Klavierhimmel Economous bislang nicht. Kluge Kunstrichter zogen ihre Stirn in Sorgenfalten. Der Mann aus Zypern rase zu heftig los, überdonnere die Klassik, kümmere sich zu wenig um den Stil.

Diese Vorwürfe klingen im Grunde sehr sympathisch. Wenigstens kein Langweiler. Aber es gibt auch eine Heftigkeit, die mehr mit Disziplinlosigkeit zu tun hat als mit Temperament. Doch über solche Jugendsünden wollte der angespannt arbeitende Künstler nun hinauskommen.

Im Gasteig begann er mit Beethovens späten Bagatellen opus 126. Er spielte sie frei, zart, gesanglich. Fesselnd vom ersten bis zum letzten Ton. Und man gewann dabei nicht den Eindruck, ein griechisch-russischer Wolf habe beflissen Kreide geschluckt, um brav spät-beethovensch lispeln zu können. Sondern Economou machte durchaus freie, empfindsame, freilich etwas zu direkte Musik. ...

Dann die Appassionata. Keine Frage, dieser Pianist hat sich gewandelt, hat einen Qualitätssprung nach vorn (oder oben) gemacht. Das lehrten viele Einzelheiten. ...

Joachim Kaiser in Süddeutsche Zeitung, 16.2.87

II.6. Literatur und Musik

... Economous Sinn für orchestrale Farben kam hier genauso zur Geltung wie in seiner Interpretation von Mussorsgskys ‚Bilder einer Ausstellung’. Das straffe Tempo der den Zyklus verbindenden ‚Promenade’, die differenzierte dynamische Ausgestaltung und die zum Teil sehr überraschend fließenden Übergänge, technische Brillanz wie interpretatorisch souveräne Gewandtheit zeichneten den imaginären Ausstellungsbesuch so schlüssig, so vollkommen mitreißend nach, wie man es von Pianisten namhafter Couleur nur äußerst selten zu hören bekommt.

Für alle schließlich verständlich wurde Economous Tonsprache in der Zugabe: Adagio aud Mozarts ‚Sonate F-Dur’ in kaum zu überbietender Schlichtheit. So verständlich, daß wie durch ein Wunder die Kunstgemeide für wenige Minuten das Husten und Röcheln verga. ...

Christian Eisert in Main Echo, 10.3.87

II.7. Freude am Virtuosen

... Die Mussorgskij-Wahl [Bilder einer Ausstellung] mochten die Zuhörer dann freilich rasch begreifen. Denn hier war Nicolas Economou ganz in seinem Element. Sein zupackendes Temperament, die genüßlich dröhnende Linke, die faszinierend treffsichere, allen Oktavsprungklippen souverän trotzende Rechte, eine glasklar geschliffene Technik, stählerne Anschlagsprofile, delikates Ausloten klanglicher Valeurs in frappierendem Wechsel dazu, dies alles ballte sich zu einem Szenario von umwerfender Charakterisierungskunst buchstäblich zusammen. ...

Günter Weiß in Donau Kurier, 17.3.87

II.8. Nach der Kreisleriana jubelte das Publikum

... Wenn der 36jährige zypriotische Pianist und Komponist Nicolas Economou Schumann spielt, könnte der Tonfall deutscher Romantik kaum besser getroffen sein. Economous Zugriff ist sensibel, elegant, locker, spielerisch. Seine Anschlagstechnik verfügt über alle Nuancierungen; mit Tempo- und Lautstärkewechseln geht er ungemein flexibel und stets als „richtig“ empfindbar um. ...

Michael Behr in Duisburger Stadtpost, 19.1.89

II.9. Auf der Suche nach der Poesie der Virtuosität

... Dieser 35jährige Pianist, der bereits als 12jähriger nach Moskau ging, um die in Griechenland begonnenen Studien fortzusetzen, ist trotz seiner Ausflüge zum Jazz ein in gewissem Sinne „altmodischer“ Musiker. Er versucht die Kunst der großen Virtuosenschule fortzusetzen, der Brillanz ein Mittel des Ausdrucks, der Poesie war. Er gibt seinen Wiedergaben einen Zug von improvisatorischer Freiheit. Er zeigt eine große Liebe zur Farbe und zur zart modellierten Kantilene.

Das war schon hier und da in den Bagatellen [Beethoven] zu spüren, denen Nicolas Economou im übrigen eine eher harsche Deutlichkeit und manchmal unwirsche Aktivität verlieh, so als wären sie doch nicht ganz zurückgenommene späte Miniaturen, in denen Musik ganz zu sich selbst gekommen ist. Und bei Liszt, dessen Mephisto Walzer selten so rasch und wild zu hören war, wurde dem Pianisten die brillante Figur ganz zum Mittel einer Malerei mit glühenden Farben. ...

Klaus Kirchberg in WAZ, 19.1.89

II.10. 60 Klavierfinger der Weltklase

So charakteristisch russisch Elisabeth Leonskaja und Leonid Brumberg ihre Duo-Beiträge auf höchstem spielerischen Niveau auch boten, bei der Argerich und Economou meinte man, ein Nonplusultra zu erfahren: Prickelnd perlend, mit insistierenden Repititionstönen, kinderspielzeug-gemaß, zierlich im Klangbild, setzte das ‘Nußknacker Ballett’ ein, das hier plötzlich nicht mehr abgegriffen oder gar kitschig tönte.

Seltsam oder nicht: Diese Klavierfassung sagt weit besser zu als das Orchester-Original. Es ging geistreich und humorig, mit einem Schalk-Lächeln zu, mit überwältigendem Charme. Leicht, doch rhythmisch prägnant geriet der Marsch, aufregend von der linken Hand der Argerich geformt, akzentuiert. Im Feen-Tanz kamen Glöckchentöne zum Einsatz, wie sie mit dem Orchester nie so verzaubernd gelingen wie hier.

Ein improvisatorisches Element tritt hinzu, daß es im Orchesterkleid ebenfalls nicht gibt. Die ausgeklügelte Bearbeitung brachte auch beim russischen, beim arabischen und dem chinesischen Tanz ein berückendes Bild zustande, bei dem die pianistische Kunst der Argerich, aber auch des Partners und Bearbeiters glanzvoll zur Geltung kamen.

Ein köstliches Schmunzeln machte sich breit – bis hin zum Blumen-Walzer. Ohne auf äußerliche Klavier-Effekte zu spekulieren, musizierte dieses Ausnahme-Duo hinreißend. So kurzweilig wie hier ist Tschaikowsky kaum je zu hören. Dolche geballte Höhepunkt-Ladung an Klavierspiel gibt es selbst im Rheingau nicht alle Festival-Tage. Wer dabei war, hatte unerwartetes Glück. Planen kann man solche Ereignisse kaum.

W.E. von Lewinski in Wiesbadener Tageblatt, 31.7.90